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L?

Und der Prospekt war heilig

Samstag, 4. September 2010, 6:40

Mir ist gerade wieder eingefallen, wie das damals - in den 80ern - war, wenn man sich für eine Kamera interessierte und Informationen dazu wollte.

Da betrat man eine der lokalen Filialen der großen Fotoketten, ging vorbei an der Kassa und der breiten Waben-Wand voll mit bunten Filmpackungen, passierte leise und vorsichtig die beleuchteten Vitrinen mit den schwarzen Spitzen-Kameramodellen, die man aus dem Augenwinkel nur kurz mit einem scheuen Blick streifte, und fand sich schließlich am Thresen ein, wo man geduldig auf den Fachverkäufer wartete.

Bis auf die Filmpackungen hinter der Kassa eigentlich nichts Neues, auch das Beratungs- beziehungsweise Verkaufsgespräch werden ähnlich abgelaufen sein wie heute. Spannend war es aber, ob man das Geschäft mit einem teuren Hochglanz-Kameraprospekt (eventuell sogar mit Preisliste!) verlassen durfte, der selbstverständlich nicht an jeden - möglichen - Kunden abgegeben wurde.

Und der Prospekt war heilig, denn er beinhaltete die Original-Information des Herstellers und war - abgesehen von Berichten in Fotomagazinen - die einzige Informationsquelle, die den Haben-Wollen-Durst zudem nicht löschte, sondern, im Gegenteil, noch verstärkte. Stolz wurde er den ebenso lechzenden Freunden gezeigt, auch der Vater las ihn gerne, nur die Mutter schüttelte still und in leiser Verzweiflung den Kopf ...


Der Kauf einer Kamera war damals ein kleines Fest

mit vielen Traumbildern, ungewisser Vorfreude und Überraschungen. Alles was man an Vor-Information hatte, war der Prospekt, das Gespräch mit dem Fachverkäufer, der kurze physischen Kontakt mit dem Traumobjekt am Thresen und die Berichte in den Fotomagazinen. Und vielleicht Freunde und Kollegen, die die jeweilige Kamera bereits besaßen, dazu etwas sagen konnten oder sie sogar vorführten. Und natürlich das Schaufenster, das man nach der Schule - und selbstverständlich am Wochenende - immer wieder aufsuchte und durch das man sehnsuchtsvoll auf "seine" Kamera schaute. Oft eine ganze Stunde lang.


Dann der große Tag

Aufgeregt ins Geschäft, ja, die Kamera war nach drei Wochen Wartezeit endlich geliefert worden, hinten am Regal lag die blau-weiße Minolta-Packung mit dem Bestellschein drauf. Vor den fiebrigen Augen öffnete der Verkäufer die Schachtel, und in schneeweißem Styropor eingebettet, nur von einem durchsichtigen Kunststoffschleier verhüllt lag die schlafende Schönheit und wartete darauf, wachgeküsst zu werden. Von mir natürlich, nicht vom Verkäufer! Zu Hause angekommen wurden einmal gründlich die Hände gewaschen und das Stück vorsichtig ausgepackt. Die Realität war dann noch schöner als das Träumen davor.


Und heute?

Restlos informiert, alle Meinungen und Gegenmeinungen aufgesogen, jedes Detail der Wunschkamera in 3-D-Ansicht auf der Hersteller-Website bereits aus allen anständigen und unanständigen Blickwinkeln begutachtet, Blogeinträge dazu inhaliert und natürlich alle Kataloge bereits heruntergeladen und im Acrobat Reader rasch nach Stichworten durchsucht.

Dann schreiten wir zum Kauf und klicken ein paar Mal auf der Website des Onlinehändlers.

Und wenn der Postmann nach drei Tagen vor der Tür steht und uns das Paket überreicht, ist das gar nichts Aufregendes und Spannendes mehr.

Denn wir wissen ja bereits genau in allen Details, was wir uns angeschafft haben. Und auch, wie wir es zu bewerten haben.

Happy online 2010!