Vincent de Groot: Fotoessays über das Vergehen und Vergessen
Montag, 29. September 2008, 19:59
Berührende und subtile Fotoessays über das Vergehen und letztendliche
Vergessen von Menschen und Dingen zeigt der niederländische Fotograf
Vincent de Groot auf seiner Website www.photo-vinc.com
Aufnahmen eines aufgelassenen israelitischen Friedhofes im Elsass, einer Autodeponie in der Schweiz oder eines verlassenen Fabrikgebäudes in Huningue/Frankreich vermitteln auf diffizile und eigentümliche Art zugleich Nähe und Distanz zum jeweiligen Ort und seiner vermuteten Historie.
Der Betrachter steht unvermittelt inmitten eines Feldes schiefstehender oder gekippter Grabsteine mit hebräischen Inschriften, blickt fasziniert auf Automobile längst vergessener Hersteller und Marken, die, scheinbar der Ewigkeit ergeben, auf ihre Dematerialisierung durch Zeit warten, oder er findet sich plötzlich inmitten weitläufiger Fluchten aufgelassener Fabrikhallen, die in monotoner Abfolge von Zwielicht und Lichtlosigkeit verfallen.
Vincent de Groot versteht es dabei meisterhaft, angemessene und respektvolle Distanz zum Objekt und seiner ganz persönlichen Historie einzuhalten und dennoch seine Erscheinung in allen Details und Facetten fotografisch eindringlich zu vermitteln. Der Betrachter bleibt alleine in der Interpretation der Bilder und wird nicht durch unnötige Erklärungen, Deutungen oder sonstige entbehrliche Seh- und Verstehanleitung in seiner Aufnahme beeinflusst.
Ausgezeichnete Schwarzweiß-Fotografie, die man in dieser berührenden Form und gelungenen Präsentation selten sieht.
Highly recommended!
Charmante Bildstörungen
Samstag, 20. September 2008, 21:54
Wann immer angeregt über Digitalkameras und ihre Bilder gesprochen wird, das Thema "Bildrauschen" ist garantiert Teil (wenn nicht sogar Angelpunkt) der Diskussion. Je mehr eine Kamera "rauscht", desto schlechter ist sie, lautet der übliche Konsens. Das mehr oder weniger sichtbare graue und bunte Geriesel in digitalen Bildern ist demnach Kriterium für den Kamerakauf beziehungsweise die Qualität des vorhandenen "Bodys".
Folglich sind "rauschfreie" Fotos das Ziel der eigenen Bemühungen, insbesondere monochrome Flächen im Bild sollen ohne störende Artefakte wiedergegeben werden. Glattheit ist die gemeinschaftlich akzeptierte Vorgabe der Digitalfoto-Community.
Als ob es die analoge Fotografie und ihre Stilmittel - zum Beispiel ausgeprägtes Filmkorn - nie gegeben hätte.
Oder gerade deshalb?
Wahlfreiheit
Helligkeitsrauschen in Digitalfotos kann, vereinfacht, mit dem Korn analoger Schwarzweißfilme gleichgesetzt werden, Farbrauschen mit dem Pendant in analogen Farbfilmen. Beide Erscheinungsformen waren seit je selbstverständliche Merkmale analoger Fotos, die Fotografen lebten damit, einfach deshalb, weil es keine (einfach praktikable) Möglichkeiten gab, Korn nachträglich aus Bildern zu entfernen. Abhilfe schafften in gewissem Ausmaß Feinkornfilme und zugehörige Feinkornentwicker in der Schwarzweißfotografie, aber ganz ließ sich Filmkorn nie verbannen (von Dokumentenfilm abgesehen).
Heute haben wir hingegen Wahlfreiheit, wir können weiterhin analog - körnig - fotografieren, digital mit stärker oder weniger stark rauschenden Kameras, wir können in der digitalen Nachbearbeitung Rauschen aus Bildern entfernen oder hinzufügen beziehungsweise auch analoges Filmkorn in digitale Bilder hineinrechnen. Digitale Filter zur Rauschminderung wie auch zur Filmkornsimulation sind gleichermaßen im Angebot, wer bereit ist, ein klein wenig Bildqualität zu opfern, kann seine digitalen Fotos im Nachhinein nach Belieben glätten oder "aufrauhen", alles ganz nach Geschmack.
Auf mich wirken rausch- und kornfreie Fotos leblos, künstlich und deshalb nicht wünschenswert. Ich brauche eine angemessene Dosis kleiner Bildstörungen um den Eindruck von digitaler Perfektion zu vermeiden und zusätzlich auch das Motiv dezent zu abstrahieren.
Hier zur Veranschaulichung ein Foto aus der Digitalkamera, am Rechner nachträglich in Schwarzweiß umgewandelt: Oben mit digital simuliertem Filmkorn, unten so, wie von der Kamera ausgegeben. Mir gefällt die Kornvariante wesentlich besser als die Originalfassung aus der Kamera.

Besser mit oder ohne Korn? (Klicken für größeres Bild)
Digitalaufnahme in Photoshop nach Schwarzweiß konvertiert.
Oben mit digital simuliertem Filmkorn (TrueGrain), darunter
Originalqualität wie von der Kamera ausgegeben.
Wofür immer Sie sich entscheiden - versuchen Sie, Bildrauschen und analoges Korn nicht vor vornherein als Qualitätsmangel zu sehen. Erkennen Sie vielmehr die Möglichkeiten zur Abstraktion von Motiven, die "Bildstörungen" dieser Art bieten - und den Charm, den sie mitunter Fotos verleihen können.
Herzlichst
Andreas Thaler






