Was dem digitalen Schaltwart an Erleben fehlt
Sonntag, 4. Juli 2010, 18:31
Eine der schönen Seiten der Analogfotografie ist das Handwerkliche, der Umgang mit Messbechern, Thermometern, Fotochemikalien, Filmspiralen, Entwicklungstank etc. Haptisch kommt der, ansonsten digitale, Fotoarbeiter zu neuen Erlebnissen, Einsichten oder auch Erinnerungen.
Bis ein Schwarz-Weiß-Film verarbeitet ist, vergehen rund 30 Minuten. Mit dem Bereitstellen der Gerätschaft, deren abschließenden Reinigung und dem Verstauen kommt man da schon auf eine gute Stunde Beschäftigung. Und diese gute Stunde tut auch gut, man ist konzentriert, jongliert mit Zeitschaltuhr und Mensuren, weiß, dass manche Fehler beim Entwickeln nicht mehr rückgängig zu machen sind und gibt daher sein Bestes. Wenn dann alles gelungen ist, macht man sich zur Feier einen guten Kaffee und wirft sich tief zufrieden auf die Couch.
Anders der Umgang mit digitalen Aufnahmen
Ein digital aufgenommenes Bild muss man zwar nicht wie einen Film in mehreren Verabeitungschritten zur Welt bringen - man spart sich also viel Zeit und Aufwand - allerdings hat man dabei auch nicht diesen wunderbaren Konzentrations-, eigentlich schon fast Erholungseffekt.
Beim rein digitalen Arbeiten ist man doch immer auf die Rolle des Schaltwarts reduziert, der in Photoshop an virtuellen Reglern zieht und so aus schier zahllosen Varianten auswählt, entscheidet, aber eigentlich nichts "schafft". (Der RAW-Workflow ist dafür ein gutes Beispiel, wo man das von der Kamera unbearbeitete Bild stufenweise im RAW-Konverter am PC so lange einstellt bis es gefällt.) Dazu kommt, dass man in Photoshop stets auf das digitale Fangnetz vertrauen kann, sprich die History, mit der jede Eingabe ohne Schaden wieder rücknehmbar ist.
So viel Bequemlichkeit und Sicherheit wirkt sich natürlich auch auf das Erleben aus. Film hingegen fordert einen und bietet somit mehr "Kick" bis und wenn alles klappt.
Natürlich macht auch das rein digitale Arbeiten Spaß,
aber wenn man es mit der Analogfotografie zur hybriden Fotografie - also analoge Aufnahme plus digitale Weiterverarbeitung - kombiniert, dann erst hat man die maximale handwerkliche Befriedigung erreicht.
Selbstverständlich gilt das nur, wenn man das so möchte und darauf Wert legt. Denn viele, vermutlich sogar die meisten, ehemaligen Filmfotografen sind heilfroh, nie wieder mit Film hantieren zu müssen, geschweige denn ihre Zeit mit Filmentwicklung zu verbringen.
Nach vielen Jahren des digitalen Schaltwartseins kann ich mir allerdings Fotografie ohne Film nicht mehr vorstellen. Alleine schon wegen des haptischen Genusses beim damit Umgehen, den ich vermissen würde.
Und vielleicht richte ich mir eines Tages sogar wieder eine Dunkelkammer ein, wo die Sache mit der Haptik "hypermaximal" auf die Spitze getrieben wird.
Wer weiß ;-)
Zu Gegenwart und Zukunft der Analogfotografie ...
Sonntag, 4. Juli 2010, 11:15
... zeichnet Hartmuth Schroeder im APHOG-Forum unter dem Titel
"Was motiviert mich, auf eine Trendwende hinzuweisen?"
ein ermutigendes Bild. Demnach gehe es mit der Nachfrage nach Filmen, Fotochemie und Labormaterialien seit letztem Jahr wieder deutlich aufwärts. Die Trendwende - nach dem Ein- und Siegeszug der Digitalfotografie am Markt - hin zu einem "langanhaltenden Erfolg der filmbasierten Fotografie", sei geschafft.
Schroeder, Mitglied der Deutschen Gesellschaft für
Photographie e. V. (DGPh), schreibt aus der Perspektive eines Händlers, der im Analoggeschäft tätig ist, und setzt nüchterne Marktfakten vor Wunschdenken und Polemik.
Lesenwert!





