Lektüre und Motiv
Sonntag, 13. Januar 2008, 17:30
Lesen erschließt dem Fotografen nicht zuletzt auch neue Motive. Und umgekehrt: Manches fotografische Motiv erschließt sich in seiner Gesamtheit erst durch Lektüre, zum Beispiel zu seiner Geschichte.
Gerade wer mit der Kamera in Wien unterwegs ist, erhält in dieser Hinsicht nahezu auf jeden Schritt Anregungen. Angesichts der zum großen Teil erhaltenen Bauten aus der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg, setzt man sich fast zwangsläufig damit auseinander, dass Wien damals von systematischen Flächenbombardements verschont blieb wie sie auf deutsche Großstädte niedergingen. Zwar waren auch in Wien die Zerstörungen beträchtlich - zu den in den Jahren 1944 und 1945 durch Luftangriffe verursachten Schäden kamen weitere schwere, die im Verlauf der Schlacht um Wien im April 1945 entstanden - aber eine Vernichtung von Bausubstanz in dem Ausmaß, wie sie zum Beispiel in Hamburg, Köln und Berlin erfolgte, fand in Wien nicht statt. Und die Gebäude und Einrichtungen, die in Wien im Zuge des Wiederaufbaues bis in die 1960er-Jahre entstanden, sind heute bereits wieder "Zeitgeschichte mit Patina", die somit auch fotografisch interessant sind.
Trümmerjahre in Wien
Sehr beeindruckt zu diesem Thema hat mich der Bildband Trümmerjahre - Wien 1945-1949 von Karl Vocelka1, der leider nur mehr antiquarisch erhältlich ist. Viele der im Buch abgebildeten, damals meist zerstörten, Orte sind mir von meinen Fotostreifzügen durch die Stadt bekannt und es ist für mich immer ein ganz besonderes Erlebnis, vertraute Stadtteile und Gegenden in ihrer damaligen Erscheinung zu sehen. Komme ich dann wieder an diesen Orten vorbei, ergeben sich unter Umständen völlig neue Motive, die nur durch das Wissen um deren Geschichte für mich sichtbar geworden sind.
Schriftzeugnisse Schuberts
Franz Schubert - Briefe, Tagebuchnotizen Gedichte, herausgegeben von Erich Valentin2, führt zurück in die Zeit des Wiener Biedermeiers und des aufziehenden Vormärz. Berührend insbesondere die Korrespondenz mit Freunden und Verlegern, die zeigt, wie schwer es für Schubert war, Akzeptanz für seine Werke und, damit verbunden, wirtschaflichen Erfolg zu finden. Die in der Musik Schuberts zum Ausdruck kommende tiefe Melancholie sowie sein früher Tod im November 1828 in Wien, berühren mich nach Lektüre des Buches nun stärker als zuvor. Ganz besonders, wenn ich beim Währinger Schubertpark vorbeikomme. Auf dessen Areal befand sich der frühere Währinger Ortsfriedhof, auf dem Schubert bis 1888 bestattet war. Eine Büste am Grabmal Schuberts erinnert dort an den Genius, wiewohl deren idealisiert-titanischer Ausdruck mit dem sich zumindest mir präsenten Schubert so gut wie nichts gemein hat. Aber auch dieses Denkmal ist im geschichtlichen Kontext der Zeit seiner Errichtung zu sehen.
Zwänge, Verführungen und Teufeleien
Carl Zuckmayers Geheimreport, herausgegeben von Gunther Nickel und Johnanna Schrön3, zeichnet Psychogramme deutscher Schauspieler, Autoren, Verleger und Künstler zur Zeit des Dritten Reiches. 1943/1944 für den amerikanischen Geheimdienst ("Office of Strategic Services" - OSS) verfasst, analysiert Zuckmayer Charaktere, unter anderem auch vormals österreichischer Kulturschaffender, und teilt diese, je nach befundener Verstrickung in den Nationalsozialismus, in unterschiedliche Kategorien ein. Basierend auf eigenen Beobachtungen (bis zu seiner Emigration 1939 in die Vereinigten Staaten), zeichnet Zuckmayer ein differenziertes Bild von überzeugten Parteigängern, indifferenten Mitläufern und aktiver Opposition, das in seiner sensiblen Ausgestaltung die eigene Einschätzung und Beurteilung dieser Zeit herausfordert beziehungsweise teilweise in Frage stellt. Auch wenn die Bewertungen und Darstellungen von Zuckmayer subjektiv sind/nur subjektiv sein können, so entlarven sie in meisterhafter Sprache die Zwänge, Verführungen und Teufeleien, in deren Kontext sich die "NS-Gesellschaft" bewegte. Dass deren Befreiung (und Bestrafung?) unter anderem auch die "Trümmerjahre" bedingte, ist eine Lektion daraus, die zum weiteren Nachdenken über den Umgang mit aggressiven, totalitären Regimes führt.
Nach jedem gelesenen Buch ist man ja nicht mehr dersselbe der man davor war - in diesem Sinne freue ich mich auf meinen nächsten Fotoausgang in "die Stadt".
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1 Karl Vocelka, Trümmerjahre - Wien 1945-1949, Verlag Jugend & Volk, Wien/München: 1985
2 Erich Valentin, (Hsg.), Franz Schubert - Briefe, Tagebuchnotizen, Gedichte, Diogenes Verlag, Zürich: 1997
3 Gunther Nickel/Johanna Schrön (Hsg.), Carl Zuckmayer - Geheimreport, Deutscher Taschenbuch Verlag, München: 2004






