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Alte Tugenden

Freitag, 4. Januar 2008, 16:18

Angesichts der technischen Perfektion, mit der heute Schwarz-Weißfotografie digital machbar ist, frage ich mich, ob damit nicht wichtige Stilelemente der alten Analogfotografie verloren gehen wie zum Beispiel Körnigkeit, Unschärfe, zugelaufene Lichter und Schatten sowie die teilweise Farbenblindheit alter Schwarz-Weißfilme. Effekte, die man heute oft als Bildstörungen, Aufnahmefehler oder als überholte Technologie abqualifiziert und im digitalen Workflow möglichst zu vermeiden sucht. Das Ergebnis sind dann zwar "saubere" beziehungsweise "tonwertrichtige" Bilder, denen man aber fallweise auch eigenen Charakter absprechen muss, vom Bildinhalt abgesehen.

Vielleicht auch deshalb erleben die alten analogen Tugenden (!) der Schwarz-Weiß-Fotografie ein Revival, wie eine Vielzahl von neuen Büchern zur Schwarz-Weiß-Digitalfotografie aber auch spezielle Software für die Konvertierung digitaler Farbaufnahmen in Schwarz-Weiß zeigen
(s. Blogeintrag vom 8. Dez. 07). Interessant in diesem Zusammenhang auch ein Workshop von Christoph Künne auf DOCMAinfo zum Thema "Daguerrotypien", im Rahmen dessen digitale Farbfotos sehr effizient auf alt getrimmt werden.

Schwarz-Weiß bedeutet ja immer eine Verminderung der Bildinformation, die durch das digitale Nachstellen von Fehlern (Tugenden! ;-) intensiviert wird. Ergebnis ist eine abstrahierte Wiedergabe des Motivs, die mitunter eindrucksvoller ausfällt, als eine technisch perfekte Wiedergabe in Farbe.


Schätze im Bücherregal

Wunderschöne Beispiele für altes Schwarz-Weiß findet man oft im eigenen Bücherregal, ganz sicher aber in den Büchersammlungen älterer Familiengenerationen, da ja die flächendeckende Farbfotografie erst im Laufe der 70er-Jahre des vergangenen Jahrhunderts Standard wurde.

Eindrucksvoll sind zum Beispiel illustrierte Chroniken wie "Das Gesicht unseres Jahrhunderts" von Milo Dor und Reinhard Federmann aus 1960. Hier wird die Geschichte des 20. Jahrhunderts bis Anfang der 60er-Jahre in Bildern und Essays abgehandelt, wobei die Fotografien auch den jeweiligen fototechnischen Stand ihrer Zeit wiedergeben. Die - nach heutigen Maßstäben - alles andere als fototechnisch perfekten Pressefotografien stechen besonders hervor. Da wurden bewegte Szenen teilweise noch mit Plattenkameras und geschätzten Belichtungsvoreinstellungen aus der Hand fotografiert, was natürlich zu Fehlern führte, die auch durch mühevolle händische Nacharbeit in der Dunkelkammer nicht völlig kompensiert werden konnten. Diese, teilweise unscharfen, körnigen, detailarmen und übermäßig konstrastreichen Fotografien geben Motive und Ereignisse stark abstrahiert wieder.

Wenn man dann zufällig aus dieser Zeit (bewegte) Farbfilmaufnahmen in sehr guter Qualität sieht, erkennt man erst, wie kraftvoll die alte Schwarz-Weiß-Fotografie erzählt und berichtet.