Identitätsverlust
Sonntag, 24. September 2006, 20:11
Die Stadt wandelt sich und verliert dabei zunehmend an Identität, mit jeder neu renovierten Fassade geht sie weiter eines Teils ihrer Geschichte verlustig.
Es ist der Zeitraum ab den späten 40er-Jahren, der noch nicht (und auch in Zukunft nicht?) als historisch gilt und deshalb bewahrt wird. Und so verfallen, fallen oder verblassen Woche für Woche ehemalige Gaststätten, verchromte Geschäftsportale, Erholungsanlagen, kopfsteingepflasterte Trottoirs, Neonschriftzüge und Feuerwandmalereien. Wo sich die Stadtgeschichte gerade verschämt bemüht, den architektonischen Nachlass der NS-Herrschaft zu erhalten und sich damit aufrafft, auch unbequeme Historie zu dokumentieren, entschwinden die architektonischen und gestalterischen Leistungen der Nachkriegszeit ohne weiteres Aufsehen, indem sie dem Zweckbauen der Gegenwart ohne jede Diskussion weichen müssen.
Das es besser geht, zeigen die Wohnhausanlagen Wiens der 50er, 60er und 70er-Jahre, die weiterhin ihrem einstigen Bestimmungszweck genügen. Sie vermitteln in ihren stillen Höfen und in ihren schon in die Jahre gekommenen patinierten Grünanlagen noch etwas vom Leben und den sozialen Visionen damals - die Gedenktafeln in den Einfahrten und Eingängen eines jeden Wohn-Hofes nennen dazu akribisch, wer hier jeweils politisch und architektonisch Kopf und Hand anlegte; wer wüsste sonst noch etwas mit den großen Namen der Wiener Sozaldemokratie dieser Zeit und ihren beauftragten Technikern und Architekten anzufangen.
Wien wäre gut beraten, sich auch dieser, seiner jüngsten Zeitgeschichte, samt ihrer architektonischen und gestalterischen Zeitdokumente mit mehr Wahrnehmung und Sensibilität zu besinnen. Geschichte reicht schließlich nicht bis 1945, sondern durchaus schon bis gestern.





