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Analogfotografie: vom bemerkenswert lebendigen Alltag einer Untoten

Samstag, 3. Juli 2010, 10:32

Wo ist das Ende der Analogfotografie?

Wo ist das Ende der Analogfotografie?



Donnerstag, 1. Juli 2010, frühmorgens

Es läutet am Haustor, an der Gegensprechanlage der freundliche Zusteller von UPS, meine vier 500 ml-Flaschen mit Druckluft sind da, Blitzzustellung Berlin - Wien, geliefert vom Internet-Fachhändler! Ich nehme das Paket entgegen, sauber verklebt, keinerlei Unwucht innen spürbar und zeichne die Übernahme ab. Perfekt, ich habe wieder ausreichend Vorrat an Dosenluft zur Reinigung meiner Negative und Kameras und alles ohne Aufwand an Zeit und Weg. Zufrieden blicke ich auf die Uhr - noch genug Zeit für ein Frühstück vor der Arbeit.


Freitag, 2. Juli 2010, frühmorgens

Es läutet am Haustor, an der Gegensprechanlage Herr T., Inhaber des Hi-Fi-Fachgeschäfts ein paar Häuser weiter. Er hat für mich ebenfalls ein Paket entgegengenommen und ist so freundlich, mir es vorbeizubringen. Fast beschämt über diesen freiwilligen Service bedanke ich mich herzlich und freue mich wiederum über den raschen und problemlosen Erhalt von Arbeitsmaterialien. Diesmal zwei 1000 ml-Mensuren aus hochwertigem Kunststoff für mein Negativlabor, Schutzhandschuhe sowie ein Zehnerpack Ilford HP5 Schwarz-Weiß-Negativfilme. Versand aus Hamburg-Stapelfeld, auch hier wieder das Know-how von Verpackungsprofis fühlbar - ein kompaktes, sauber beschriftetes und verklebtes Paket. Der Handwerker, Fotograf und Haptiker in mir freut sich und die überschaubaren Versandkosten für diesen Interneteinkauf trage ich gerne. In Wien hätte ich mindestens zwei Fachgeschäfte abgehen müssen, um diesen Posten einzukaufen und als autoloser Mensch, dessen Arbeitszeiten sich mit den Öffnungszeiten der Geschäfte decken, wäre für die Beschaffung ein Teil meines Wochenendes zu investieren gewesen.


Mensuren, Laborgeräte, Zeitschaltuhren,

Schutzhandschuhe, Chemikalien für die Verabeitung von Schwarz-Weiß-Filmen, Filme, Entwicklungsdosen, Filmhalteklammern ... Alles bestens sortiert und vorrätig bei verschiedenen Internet-Shops, übersichtlich am Monitor angeordnet und Datenblätter vom Hersteller als PDF zum Herunterladen verfügbar. Oder eine Einstellscheibe für meine Nikon F3, gebraucht in neuwertigem Zustand? Ein Ersatz-Batteriehalter für den zugehörigen Kameramotor MD-4? Objektive, Blitzgeräte, Ersatzteile, Fotoliteratur? Alles via Internet verfügbar, alles lieferbar, www.ebay.com heißt die Adresse.


Wie war das?

Die analoge Fotografie und ihre Geräte sind bald nur noch im Museum zu bewundern beziehungsweise zu belächeln? Analoge Fotografie stirbt aus? Analoge Fotografie wird heute nur mehr von ein paar Alt-Gestrigen und versonnenen Nostalgikern betrieben?

Wenn das tatsächlich so ist, ich jedenfalls merke nichts davon. Analoge Fotografie ist weiterhin genau so problemlos machbar wie Digitalfotografie, im Internet werden beide Spielarten gleichrangig bedient. Und bei der Fotokette in der Einkaufsstraße, die keine Filme mehr führt, dafür aber jedes lieferbare Speicherkarten-Modell, habe ich zum letzten Mal 1988 eingekauft, damals ein Minolta MD 28/2.8 Weitwinkelobjektiv.


Was allerdings zur Zeit nicht geschieht,

ist die breite Weiterentwicklung von analogem Fotogerät und Verbrauchsmaterial. Wir fotografieren heute in der Regel mit den Geräten und Filmen von gestern. Das muss kein Nachteil sein, aber es wäre schön, wenn die Hersteller sich ihres alten Hauptgeschäftes erinnerten und wir uns wieder einmal über die Neuvorstellung einer analogen Spiegelreflexkamera freuen dürften.

Bis dahin herrscht jedoch kein Mangel an preisgünstigem "Altglas und Altmetall" und ich wünschen Ihnen

ein produktives und entspannendes Fotowochenende - analog oder digital!

Herzlichst,

Andreas Thaler